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Vermerke

Weblog eines Angestellten

Mir geht es gut.
Die elektrische Zahnbürste gerät ins stocken. Das tut sie immer, wenn sie der Auffassung ist, die Zähne seien jetzt sauber. Für mich ist es in der Regel das Startstocken in den Tag. Es folgt der flüchtige Blick in den Spiegelschrank, beim zurückstellen des Gerätes in die Ladestation. Der Griff nach Schlüssel und Jacke. Der Weg ins Büro. 5 Tage die Woche. Ausgenommen Wochenenden, Feiertage und Urlaub.

Wenn es sich vermeiden ließe, würde ich mir den Blick in den Spiegel ersparen. Es läßt sich nicht vermeiden. Die Zahnbürste muss zurück ins Ladegerät und das steht nunmal im Spiegelschrank. Und so verfolgt mich mein Gesicht durch den Tag. 54 Jahre ist es alt, leicht faltig, beherrscht. Es ist das Gesicht eines Oberamtsrates.

Ersparen sie sich und mir die Google Bildersuche. Sie werden mein Gesicht dort nicht finden. Interessanterweise erzählt man mir oft Witze und Anekdoten über Sachbearbeiter und Ostdeutsche. Frauen, mit denen ich flirte tun dies gern. Ich versuche dann so blasiert wie wie möglich zu lächeln, um der eigentlich ganz netten neuen Bekannschaft die Chance zu geben, den Akt doch noch erfolgreich abschliessen zu können. Es funktioniert selten. Mein Gesicht ist zu beherrscht. Und so enden solche Abende meist mit Currywurst ohne Darm, Pommes Mayo, Astra.

Eines meiner wichtigsten Tagesziele ist es, die Stechuhr in der Scharnhorststrasse so früh wie möglich zu betätigen. Ja, es entspricht gewissen Klischees, aber das ist mir egal. Ich mag es zu sehen, wie die Geschäfte in meiner Strasse den Tag vorbereiten. Ich mag es zu sehen, wie die Rockbar gegenüber die Nacht beendet. Ich habe nie einen Fuß durch die für gewöhnlich geschlossene Kneipentür gesetzt. Die großen Fenster sind mit schwarzer Folie abgeklebt und mit einem silberweißen Schriftzug versehen, der sich über einen flammenden Totenkopf beugt.

An warmen Tagen gibt der Besitzer eine 2,50m+1,00m großen Einblick in den abgenutzten Barraum frei. Für gewöhnlich zählt er die Einnahmen der Nacht, während seine rothaarige Frau Gläser spült, Entkalker in die Kaffeemaschine füllt oder einen Besen über den Fussboden zieht. Beide erledigen ihre Arbeit mit der Routine und Sicherheit eines Oberamstrates. Die flüchtigen Blicke mögen täuschen, aber oft kommt es mir so vor, als ob der Taschenrechner, den der Kneipier für seine Verwaltungstätigkeit benutzt dem aufs Haar gleicht, der auf meinem Schreibtisch steht. Zählen, notieren, rechnen, notieren. Erneut zählen, erneut notieren, erneut, rechnen, erneut notieren. Eintragung in ein Formblatt. Locher ansetzen und zudrücken. Abheften.

Wir haben nie viele Worte miteinander gewechselt, der Oberamtsrat und ich. Dabei kennen wir uns bereits seit 20 Jahren. Von Zeit zu Zeit treffen sich unsere Blicke und wie ich es gewohnt bin, grüße ich mit Nicken und „Guten Morgen!“. Sein antwortendes Lächeln ist beherrscht.

Die Strassenbahn zum Nordbahnhof schlängelt sich einige Stationen am ehemaligen Mauerstreifen entlang. Ich habe mich nie wirklich für Politik interessiert. Früher hat mich einiges geärgert oder gestört, das tut es heute noch, aber in Frage gestellt habe ich nichts. Das Mauermuseum und das Bild mit dem Soldaten, der über einen Stacheldraht springt, erinnert mich an das Schicksal anderer. Nicht an meins. Natürlich hab ich mit den Menschen gejubelt, als wir das erst Mal an den Grenzposten vorbeiliefen. Die Mauerreste erinnern mich an diesen Moment. An das Gefühl frei zu sein. Ausbrechen zu können. Ich hab nichts dafür getan, dass es so gekommen ist. Ich hatte keine Rechnung mit der SED zu begleichen, gleichwohl sie mir das Abitur verwehrt hatte und das Studium, trotz Einserschnitt. Ich habe es als gerecht empfunden, denn mein gesellschaftliches Engagement ließ zu wünschen übrig. Es war mir egal. Ich war zufrieden mit der Setzerlehre und heiratete mit 20.

Meine Ehe scheiterte an der Wende. Gewollt, kinderlos. Der Drang Freiheit zu leben, mit Anfang 30, war zu groß. Für uns beide. Und so zog ich in die kleine Hinterhofwohnung, die damals noch unsaniert vor sich hinschimmelte. Badeofen und der Abstieg zur Toilette störten mich nicht. Mit den Jahren entwickelte sich ein Szenebezirk um mich und die Rockbar herum, ein Kiez den ich nur selten verlasse. Mich stören die Touristen nicht, nicht die jungen Familien, nicht die eigenartige Mode. Ich lebe gerne dort. Ich habe dort alles was ich brauche.

Endstation. Der Rest ist Fußweg. Vor einigen Wochen nahm ich die S-Bahn von dort, um Ulrike zu besuchen. Sie hat wieder geheiratet und Kinder bekommen. Es hätten meine sein können. Ein Gedanke, der meinen gesamten Körper in einem blümeranten Schauer hüllt. Ihre merkelesken Gesichtzüge verfolgen mich seitdem durch den Alltag.

Die Stechuhr piept. Noch 11 Jahre bis zur Pensionierung. Inklusive Wochenenden, Feiertage und Urlaub. Voraussichtlich.

Warum dieser Text? Die Antwort gibt´s hier und hier.

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